Körperwelten

Echte Tote als Kunstwerke? Die gibt es momentan in Bochum zu bestaunen, wo Plastinator Dr. Gunther von Hagens und Kuratorin Dr. Angelina Whalley in der Ausstellung KÖRPERWELTEN menschliche Körper im Kreislauf von Entstehen und Vergehen, dem Zyklus des Lebens, zeigen. Über 200 Präparate, darunter 20 Ganzkörperplastinate, nehmen uns mit auf eine Reise durch unseren Körper und zeigen uns dessen Verwundbarkeit und Einzigartigkeit. Eine interessante Ausstellung, die unter die Haut geht.


Körperwelten

Dr. Angelina Whalley, Kuratorin der Körperwelten-Ausstellung:
Körperwelten"Ich kann nur jedem empfehlen, der sich für seinen Körper interessiert (ob alt oder jung), in die Ausstellung zu gehen. Es ist wirklich eine ganz einzigartige Möglichkeit, sich selbst in eigener Weise zu begegnen, wie man es nie bekommt. Erfahrungsgemäß sind Kinder ab zwölf Jahren wirklich geeignet, die Ausstellung zu besuchen, aber selbst kleinere Kinder, wenn sie ihre Eltern dabei haben und ihre ungestümen Fragen loswerden können; Ich kann nur sagen, es ist ein tolles Erlebnis für die gesamte Familie."

Prof. Dr. Franz Josef Wetz, Mitherausgeber mehrerer Werke zu Gunther von Hagens’ Körperwelten:
Körperwelten"Die Ausstellung ist ja damals in Deutschland angetreten und löste riesige Diskussionen aus; Die Frage nach der Würde des Menschen, die Frage nach der gestörten Totenruhe, nach der Verletzung der Pietät, der Kommerzialisierung- Alle diese Fragen berühren die Ethik und kommen damit auch in die Nähe der Philosophie und so kam ich in diesem Zusammenhang an diese Ausstellung heran."

"Ich hatte seinerzeit zufällig ein Buch über die Menschenwürde geschrieben, was Gunther von Hagen zufälligerweise gelesen hatte und das gefiel ihm, und so lud er mich seinerzeit nach Heidelberg ein mit der Frage, ob ich mir denn mal Gedanken machen wolle über die Würde der Toten, weil das in dem Buch nicht behandelt wurde, und das fand ich sehr reizvoll… und so kam ich an die Ausstellung heran. Er ließ es völlig offen, ich könne darüber schreiben was ich wolle, aber er möchte das einfach mal geklärt haben, sozusagen ganz neutral. Und so kam ich an die Ausstellung und bin in viele Diskussionen rund um die Ausstellung eingebunden gewesen."

Dr. Angelina Whalley, Kuratorin der Körperwelten-Ausstellung:
Körperwelten "Es gibt in der Tat viele Menschen, die die Ausstellung mehrfach besuchen, weil so viel zu entdecken ist und die Ausstellung die Menschen auch sehr bewegt, dass sie sagen: Das ist einfach zu viel, ich komme lieber noch ein zweites Mal. Aber es kommen auch natürlich viele Medizinstudenten, die hier die Gelegenheit nutzen, ihre anatomischen Kenntnisse aufzufrischen; Die Präparate sind um ein vielfaches besser präpariert, als die es selbst in ihren Präpariersälen können, schon allein weil sie die Zeit dazu nicht haben."

Prof. Dr. Franz Josef Wetz, Mitherausgeber mehrerer Werke zu Gunther von Hagens’ Körperwelten:
Körperwelten "Es ist ja ohnehin auch so, dass dieser von den Medien propagierte Sensations- und Gruseleffekt der Ausstellung gar nicht so bestanden hat; Das war ja eigentlich ein mediales Gerücht. Die meisten Menschen sind aus diesem Grund ja gar nicht in die Ausstellung gekommen, wie die Untersuchungen gezeigt haben. Und wie dann die Untersuchungen erst recht gezeigt haben, wurde ja genau dieses Bedürfnis dann in der Ausstellung auch gar nicht befriedigt. Das war für diejenigen, die das dann auch tatsächlich gehabt haben, die wurden ja in der Ausstellung sehr stark enttäuscht."

"Sie ist keine Geisterbahn; Sie selber können sich ja ein Bild hiervon machen, das ist ja eine seriöse Ausstellung und das ist Gegenteil eines Jahrmarktes. Man hat dann erstmal vorschnell den Ernst der Menschen in der Ausstellung darauf zurückgeführt, dass ihnen der Schreck in die Glieder gefahren sei und sie nun ganz gebannt und furchtsam vor diesen Plastinaten stünden. Aber das hat sich ja auch als Unsinn erwiesen."

Dr. Angelina Whalley, Kuratorin der Körperwelten-Ausstellung:
Körperwelten "Aus meiner Sicht bestand noch nie ein Gruselcharakter und wir haben auch nicht im Ansatz das Bestreben, die Menschen zu vergruseln. Ganz im Gegenteil: Wir wollen sie ja aufmerksam machen, wir wollen ihnen den menschlichen Körper nahe bringen, und das heißt wir wollen sie begeistern. Diese Ausstellung zeigt eine sehr unterschiedliche Anzahl von Plastinaten. Sie enthält auch einige vorgeburtlichen Präparate, kleine Embryos von der vierten, fünften Schwangerschaftswoche an. Diese Ausstellung hat leider keine Missbildungen, wie wir es in anderen Ausstellungen teilweise zeigen, aber nicht, weil wir hier meinen, die Ausstellung in irgendeiner Form entschärfen zu müssen, sondern weil wir nur eine begrenzte Anzahl solcher Plastinate haben und sie hier nicht zur Verfügung haben."

Prof. Dr. Franz Josef Wetz, lehrt Philosophie und Ethik:
„Ja, also ich hatte selbst auch etliche Seminare sogar zum Thema, also Würde der Toten: Was darf mit toten Körpern geschehen, über Körperwelten hinaus generell; Es gibt ja auch den toten Körper in anderen Zusammenhängen, auch in der Gestalt der Reliquie, es gibt ihn auch in anatomischen Sammlungen der Universitäten, es gibt also die Mumie die in irgendwelchen Ausstellungen steht. Es gibt ja verschiedene Verwendungsweisen toter Körper und die Frage, wie weit das zulässig ist und wann nicht und ob da eine Würde verletzt wird oder nicht und von welcher Position aus man diese Frage diskutiert, ob man von einem religiösen Standpunkt verallgemeinerbar überhaupt argumentieren kann und ob es überhaupt verallgemeinerbare Begriffe gibt, die man darauf anwenden kann."

"Ja, da habe ich dann also auch mit Studenten darüber gearbeitet, habe auch sogar zweimal ein Seminar speziell nur zu Körperwelten gemacht, als die Ausstellung mal in Köln war. Und in München, da sind wir auch mit drei Bussen dann im Rahmen des Semesters dann auch da hingefahren und haben sie besichtigt, die Ausstellung, und dann das wieder auch ausgewertet und diskutiert und auch dabei im Hörsaal natürlich die Frage nach der Zulässigkeit sehr kontrovers diskutiert. Das war sehr spannend, weil’s halt sehr dicht an einer öffentlichen Debatte damals stattfand. Das war in einer Zeit, als es wirklich noch sehr heftig über Körperwelten gestritten wurde, also in der Münchner Zeit, Köln, Berlin, also in den Anfängen. Also am Anfang 2000 war das der Fall."

Körperwelten"Die Diskussionen haben sich ja mittlerweile sehr beruhigt, was ich ja vorhin auch schon in der Pressekonferenz sagte, was für mich ein Indiz dafür ist, dass die Ausstellung in der Gesellschaft angekommen ist, diesen Skandalwert nicht mehr besitzt, was manchmal auf Kosten des Sensationswerts geht, dass man fast so eine Ermüdung hat, dass die Leute es gar nicht mehr so attraktiv finden da hin zu gehen, was ich allerdings schade finde; Das hat sie aus meiner Sicht nach wie vor nicht verloren, weil sie ja wirklich Seiten unserer Existenz offenbart, die wir einfach so nicht zu sehen bekommen. Wie eben unseren rücken, den wir so nicht sehen können; Im normalen Fall können wir unseren Rücken nicht sehen und so können wir auch nicht sehen, wie wir unter der Haut ausschauen und das können wir hier eben lernen und das kann dann schon etliche Fragen nach der eigenen Existenz aufwühlen."

Dr. Angelina Whalley, Direktorin des Instituts für Plastination in Heidelberg:
Körperwelten"Wir wollen natürlich zum einen die Menschen begeistern und man darf nicht vergessen: Das Unterhaut-Fettgewebe ist bei diesen Körpern hier wegpräpariert. Das heißt man sieht wirklich nur noch auf die Muskelmasse und selbst von den Muskeln sind viele weggenommen um auch tiefere Schichten zeigen zu können. Wir haben in dieser Ausstellung auch ein Exponat, wo man Fettleibigkeit sehen kann, das ist dargestellt in einer Längskörperscheibe und man sieht dort wie wirklich sehr, sehr viel Fett sich unterhalb der Haut gebildet hat, man sieht aber auch, dass das nicht nur ne Sache unter der Haut ist, sondern dass auch die Organe wirklich in Fett gepackt sind und wie auch die Organe selbst verfettet sind. Das heißt, dass sehr viel Fett in der Leber, zum Beispiel, enthalten ist; Das ist schon ein sehr eindrückliches Präparat, das vielen unter die Haut geht."

Prof. Dr. Franz Josef Wetz, lehrt Philosophie und Ethik:
"Ich hatte immer die eine Einschränkung, die eine Grenze, die ich so sehe, die man nicht überschreiten sollte, wäre eben die Verwandlung von Plastinaten in Sachgegenstände. Also wenn man etwa ein Rückgrat in einen Kleiderständer verwandelt, oder eine dicke Frau zu einem Sofa plastiniert, um das mal sarkastisch zu formulieren. Das fände ich irgendwie eine Grenzüberschreitung, weil hier eine, wie ich es nenne, eine Dehominisierung stattfände, also hier würde sozusagen nichts mehr Menschliches am Menschen gezeigt. Also für mich ist ein Maßstab der Zulässigkeit für die Ausstellung, dass man immer Menschliches am Menschen zeigt, und dass man den Menschen nie in einen Sachgegenstand verwandelt um an ihm etwas allein Gegenständliches zu demonstrieren."

Körperwelten"Man kriegt auf der einen Seite ein technisch brillantes Präparat gezeigt und auf der anderen Seite bekommt ein solches Präparat immer auch eine symbolische Expression, also es stellt immer etwas dar; Sie werden ja verlebendigt, als Sportler, als in irgendeiner Haltung…"

Dr. Angelina Whalley, Direktorin des Instituts für Plastination in Heidelberg:
"Die Exponate, die wir hier in unserer Ausstellung haben, stammen von einem ganz besonderen Körperspendeprogramm, das wir vor vielen Jahren, Anfang der achtziger Jahre schon, ins Leben gerufen haben. Die Menschen haben zu Lebzeiten darüber verfügt, dass sie plastiniert werden wollen, zu wissenschaftlichen Zwecken und aufklärerischen Zwecken einer Ausstellung zur Verfügung stehen wollen."

Prof. Dr. Franz Josef Wetz, lehrt Philosophie und Ethik:
Körperwelten"Der Ernst in der Ausstellung rührt ja nun einfach daher, dass die Menschen einen ungewohnten Blick auf ihre eigene Existenz hier nehmen können. Sie schauen in einen fremden Körper und entdecken den Eigenen ganz neu. Der Einzelne kommt sich gewissermaßen in der Ausstellung, wenn er sie sich ernsthaft vor Augen führt- kommt sich da auf eine ganz spezielle Art und Weise besonders nah, weil er in dieser Ausstellung eben mit den zerbrechlichen Vorraussetzungen seiner eigenen Existenz konfrontiert wird; Er bekommt zu Gesicht, wie er aufgebaut ist, so wie er es sonst eigentlich nie sieht, aus Büchern kennt- vielleicht aus Büchern kennt, viele vermutlich noch nicht einmal das, denn welcher Laie blättert Anatomie-Atlanten durch. Aber selbst ein Buch hat dann nicht diesen Effekt, wie wenn man jetzt so hautnah an so einen Körper eben heran kommt."

"Und diese Konfrontation mit den zerbrechlichen Voraussetzungen der eigenen Existenz vermittelt uns(ob wir es wollen oder nicht: der Eindruck ist zumindest gegeben)- vermittelt uns eine gewisse Ernsthaftigkeit und vertreibt auch jeden frivolen Spaß, den wir sonst gerne auch im Umgang mit so Gruselgeschichten entwickeln, vertreibt eben diesen frivolen Spaß, und das finde ich eigentlich eine der faszinierendsten Beobachtungen der ganzen Ausstellung und sicherlich eines der stärksten Argumente für die Ausstellung, losgelöst von der gesamten akademischen Diskussion, die ich ja selber mitgeführt habe, über Menschenrechte, Totenruhe und Pietät."

Körperwelten"Eines der stärksten Argumente für die Ausstellung, nämlich ein Argument, das die Besucher bieten. Die Besucher, die in die Ausstellung gehen und sich hier besinnlich und ruhig verhalten, so dass hier kein Ordnungspersonal die Menschen dauernd zur Ordnung gemahnen muss; Dass sich hier ein Massenpublikum selbst diszipliniert, das ist ja nicht selbstverständlich in unserer lärmigen Zeit, wo ja alles sehr laut und bunt ist. Das hat dann ja auch die Kritiker ein Stück weit mit verstummen lassen, dass hier so hunderttausende Menschen durch diese Ausstellung gehen, ohne dass es zu nennenswerten Vorfällen kommt. Und das finde ich eigentlich ist das, was am stärksten für diese Ausstellung eigentlich einnehmen kann."

Dr. Angelina Whalley, Direktorin des Instituts für Plastination in Heidelberg:
Körperwelten"Diese drei Exponate, die sich zu einer Pokerrunde zusammengefunden haben, sind tatsächlich Teil eines James Bond-Films gewesen, diesem ‚Casino Royale’ -Films, und nun stehen sie hier, für jedermann sichtbar, in Bochum."

"Es ist immer unser Anliegen gewesen, diese Ausstellung den Menschen verfügbar zu machen, sie auch leicht zugängig zu machen, und es ist schon eine ganze Weile her, dass wir im Ruhrgebiet diese Ausstellung gezeigt haben, vor allen Dingen in dieser Region des Ruhrgebiets noch gar nicht, und deswegen fanden wir in Bochum eigentlich einen sehr schicken Standort."


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