Klack Zwo B

Nichts ist so unsichtbar wie ein Denkmal. Es soll erinnern, mahnen oder anregen. Meistens steht es aber einfach nur da, Jahre, Jahrzehnte und wird gar nicht mehr wahrgenommen. In den 90er Jahren wurde in Bochum bei mehreren Denkmälern aber einmal genauer hingeschaut. Und was man sah, führte zu einem neuen Umgang mit diesen Orten der Erinnerung: die Denkmäler wurden beschmiert, gestürtzt oder auch geköpft. Die Filmemacher "Klack Zwo B" haben dazu 1994 einen Film produziert, den die Bochumschau jetzt als historisches Filmdokument präsentieren darf.


Klack Zwo B

Klack Zwo B „Die Gemeinden und Vereine haben lange dafür gekämpft, das alte Denkmal am Markt, die Germania, zu restaurieren und mit neuen Bildern zu verzieren. Das stammt ja noch von 1871, auch die Bilder ‚Auszug des Soldaten’, ‚Wiederkehr des verwundeten Soldaten’ und so weiter, und das wollte man nicht zeigen. In der neuen Darstellung, in der neuen Gedankenwelt, sah das so aus, dass man die Moderne ein Bisschen in den Vordergrund ziehen wollte, und deshalb hat man im Entwurf einen schlanken Pylon gewählt und hat davor einfach nen Soldaten gesetzt, der aber vollkommen abgewrackt ist. Das heißt: Er hat den Stahlhelm auf der Hand, er hat das Gewehr bei Fuß und er hat seinen Mantel zum Teil oben geöffnet; Er wollte mit dem Krieg weiter nichts zu tun haben. Und da hat man sich das überlegt und hat gesagt: 14/18 ist vorbei, wir haben das alte Denkmal im Dorf, am Denkmalplatz, dem jetzigen Markt, das reicht uns nicht! Wir wollen etwas Modernes haben. Das wollte man dann so realisieren, indem man jetzt ne Reihe Spenden mache. Erstens von den Vereinen, vor allen Dingen, zweitens von den Kriegervereinen, und drittens von der allgemeinen Gemeinde selbst.“ Herbert Danz, Langendreerer Bürger
Reporterin: Das ist ja ein Gedenken an den ersten Weltkrieg, ist aber erst 1929 aufgestellt worden; Warum erst so spät?

„Wenn das spontan ein paar Tage nach dem ersten Weltkrieg aufgebaut worden wäre, dann hätte man gesagt: ‚Ihr wollt doch wieder was mit Ruck-Zuck-Aktionen erreichen!’ Und so musste der Gedanke erstmal wieder in der Bevölkerung wachsen, um die Menschheit für so ein Ehrenmal erstmal wieder reif zu haben“ Heinz Tatenhorst
Reporterin: Sie waren doch dabei?

Danz: „Ich war dabei, ja, sieben Jahre.“

Reporterin: Können sie sich noch erinnern, wie das abgelaufen ist?

„Ja, da muss ich lang herholen, und zwar gehörten mein Vater und seine Freunde zu den Kyffhäusern. Die Kyffhäuser haben sich sehr bemüht um dieses Denkmal da überhaupt aufzustellen und bei der Einweihung wurden sämtliche Vereine im Umkreis herangezogen. Soweit wie mir das noch im Bilde ist, waren hier etwa fünfundvierzig Fahnen aufgezogen worden. Das Interessante bei der ganzen Sache war: Von der damaligen Reichswehr war ein Zug von sechsunddreißig Mann hier angetreten. Das war das A und O; Dadurch war hier die Umgebung schwarz vor Menschen. Grundsätzlich war es so, dass ältere Offiziere, die hier im Raum Langendreer doch reichlich vorhanden waren (und zwar mussten Sie davon ausgehen, dass fast 90 Prozent der Bauernsöhne Offiziere waren und Langendreer war ja ein Bauerndorf), die kamen dann alle in ihren Gala-Uniformen.“ Herbert Danz, Langendreerer Bürger
Klack Zwo B „Pro Scheibe ein Schuss. Ich bin Vorsitzender der Kyffhäuser-Kameradschaft Bochum-Werne und Kreisverbandsvorsitzender vom Kreisverband Bochum. Der Kyffhäuserbund ist ein Zusammenschluss von ehemaligen Soldaten von 1786. Die hatten sich zusammengeschlossen um in Not geratene Söldner, oder auch Landwehrkrieger zu der damaligen Zeit, denen Frauen und Waisenkinder zu unterstützen, weil es noch keine staatliche Versorgung dieser Soldaten gab.“ Heinz Tatenhorst
Klack Zwo B Reporter: „Die meisten dieser Denkmäler sind zur Verherrlichungen des Heldentodes während des ersten Weltkrieges von einem der siebenunddreißig Bochumer Kriegsvereine errichtet worden. Welche Bedeutung hatten diese zur Weimarer Zeit?

„Ja, diese Vereine waren natürlich einmal Erinnerungsvereine, dann waren sie ja sehr patriotisch gesinnt, sie waren sehr republikfern, im Grunde, sie hingen noch dem Kaisertum nach. Sie waren natürlich auch bestrebt, die Gemeinden zu überzeugen, für ihre Toten Denkmäler aufzurichten, sie haben auch oft gesammelt; die Gemeinde hat zum Teil nur das Grundstück zur Verfügung gestellt. Das war doch schon gerade für die Etablierung dieser Masse von Denkmälern ne ganz wichtige [???]“
Johannes V. Wagner, Stadtarchiv Bochum
„Wie Sie sehen, ist hier unser Kyffhäuser-Denkmal, was wir im Thüringer Wald errichtet haben, nach den Vereinigungskriegen, wo Deutschland zum ersten Mal zusammengeschlossen war.“

Reporterin: Welche Bedeutung hat Barbarossa für den Kyffhäuserbund?

„Barbarossa ist mit übernommen worden, weil die Sage aus dem Kyffhäuserberg heraus kam und der Barbarossa gesagt haben soll, so wie’s die Sage erzählt, dass er aufwacht wenn die Raben nicht mehr um den Kyffhäuserberg fliegen, um die deutsche Einheit neu zu organisieren.“

Reporterin: Jetzt muss ich, wo Sie das so sagen, muss ich noch auf eine Stelle aus der Festschrift zu sprechen kommen; Da gibt’s den Satz „Haben wir heute, im Jahr 1994, Ordnung im Reich?“ Wie muss man den verstehen?

„Das ist zu verstehen auf Begründung von unserem Kyffhäuser-Denkmal und der Sage von Barbarossa. Er will wieder auferstehen, wenn im Reich was nicht stimmt. Das beruht aus der Sage heraus.“

Reorterin: Welches Reich ist damit gemeint?

„Das Deutsche Reich.“ Heinz Tatenhorst
„Was das politisch bedeutete, das wissen wir ja: Dass, selbstverständlich, der wilhelminische Geist durch diese Kriegervereine in die Weimarer Republik hinüber gerettet wurde und dass viele Mitglieder dieser Vereine sehr republikfern, wenn nicht republikfeindlich, waren und das allein schon durch ihren Nationalismus, ihren patriotischen Geist auch dann die Thesen und die Propaganda der Nazis auf fruchtbaren Boden fiel.“ Johannes V. Wagner, Stadtarchiv Bochum
„Früher war man etwas heroisch und man hat auch damals den Toten gedacht, hat monumentale Denkmäler gebaut die auch heute nicht mehr in die Zeit passen. Das war ja auch der Gedanke dabei, dass der Frieden weitergegeben wird mit der Überreichung der Fahne. Das heißt ja nicht, dass wir jetzt den Krieg, den ersten Weltkrieg geführt haben, dass wir jetzt den nächsten Krieg haben wollen, sondern so war es nicht. Es ist ja damit zum Ausdruck gebracht, das Leid und so weiter was wir im ersten Weltkrieg gehabt haben, übertragen wird auf den Soldaten, der da nachfolgte.“ Heinz Tatenhorst
Klack Zwo B „Einmal, wenn wir die formale Sprache des Denkmals ansehen, dann sieht man dort die üblichen NS-Figuren, die martialische NS-Skulptur, die sich hier darbietet: Zwei imposante Männer, die sich zeigen, einer der die Gefallenen des ersten Weltkriegs symbolisieren soll, aber man begnügt sich eben nicht mit diesem einen Soldaten, sondern man gibt ihm einen weiteren Soldaten in Stahlhelm (auf diesem Stahlhelm war lange Zeit, bis fast vor zehn Jahren, noch das Hakenkreuz eingraviert); Man gibt ihm an die Seite eben einen Vertreter des neuen Staates, der neuen Wehrmacht, beide halten die Fahne. Die Fahne wird weitergereicht, von dem Soldaten des ersten Weltkriegs zu dem Soldaten des neuen Deutschlands, wie es in der Propaganda hieß. Es ist also ganz deutlich, dass hier NS-Ideologie auch mit diesem Denkmal transportiert werden sollte. Dass dieses Denkmal, das schließlich 1935 eingeweiht wurde im Stadtpark, doch sehr deutlich eigentlich das zeigt, was die Nationalsozialisten wollten oder wie die Nationalsozialisten solche Denkmäler für ihre Zwecke umfunktionieren wollten.“ Johannes V. Wagner, Stadtarchiv Bochum
Reporter: Und können Sie kurz sagen, seit wann dieses Denkmal hier im Stadtarchiv steht?

„Seit 1984, nach dem Umstürzen kam es natürlich zu einer großen Debatte im Stadtparlament, auch in der Öffentlichkeit; soll man es wieder aufstellen an Ort und Stelle? Was soll man machen? Schließlich, nach langem Hin und Her, sagte man: ‚Wir verstehen dieses Kriegerdenkmal als historisches Dokument und wir wollen es im Stadtarchiv wieder aufstellen, im Rahmen einer Dokumentation über die nationalsozialistische Vergangenheit.’ Und seit dieser Zeit, seit zehn Jahren, stehen nun die beiden Soldaten hier bei uns, in unserer Ausstellungshalle.“ Johannes V. Wagner, Stadtarchiv Bochum
Klack Zwo B Reporterin: Herr Lawo, wie haben Sie das gestürzte Denkmal entdeckt?

„Als ich an diesem Morgen zum Betrieb ging und statt zwei stehenden zwei liegende Soldaten sah, war ich natürlich entsetzt, bin dann sofort zum Betrieb rauf und habe meinen Vorgesetzten benachrichtigt, der dann die Stadtspitze benachrichtigt hat, den Oberstadtdirektor und den Oberbürgermeister, die sich das gestürzte Denkmal dann angesehen haben, aber immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: Wer kann solches tun?“ Hermann Lawo, Ex-Betriebsleiter des Stadtparks Bochum
Klack Zwo B „Für uns war es ein Krieg verherrlichendes und Faschismus verherrlichendes Denkmal und eine immense Provokation, zumindest so, wie es da stand. Das Denkmal selbst war ja nicht kommentiert, es hat ja nicht etwa da eine Tafel gehangen, die dieses, sagen wir mal verabscheuungswürdige, Denkmal in den richtigen Zusammenhang gestellt hätte. Das Ding wurde halt von städtischen Arbeitern poliert, der Rasen und die Blumen drumherum gepflegt, als sei das, was dort dargestellt wurde, irgendetwas zu verherrlichendes, etwas gutes.“ Denkmalstürzer, Text nach Originalton
„Also ich muss Ihnen ehrlich gestehen, mich hat das in all den Jahren, die ich hier im Stadtpark gearbeitet habe, nie gestört, denn es war eine Einrichtung, die aus dem ersten Weltkrieg stammte, und ich dabei auch an die Opfer, die damals für Führer, Volk und Vaterland gebracht worden sind, gedacht habe.“ Hermann Lawo, Ex-Betriebsleiter des Stadtparks Bochum:
„Das Denkmal sollte erst gar nicht abgesägt werden, sondern ‚verstümmelt’ werden. Weil, unserer Meinung nach, die realistische Darstellung eines Soldaten, mit einem Arm, einem Bein, einem halben Gesicht, genug Abschreckung oder Lehre hätte sein können, um sich da politisch verantwortlich zu verhalten und das Denkmal abzubauen, oder zumindest zu kommentieren.“ Denkmalstürzer, Text nach Originalton
„Wir finden das sehr traurig, dass die Denkmäler alle geköpft werden, dem Boden gleich, platt gemacht werden, hier herrscht wahrscheinlich ne ganz verkehrte Ansicht, und die, die so was machen, die wissen wahrscheinlich gar nicht, warum diese Ehrenmale errichtet worden sind.“ Heinz Tatenhorst
„Dieses Denkmal war kein klassisches, sagen wir mal einfaches, Kriegerdenkmal, sondern es verkörperte den aufstrebenden Faschismus; Die politisch Verantwortlichen wichen einer klaren Position immer aus. Wir wollten mit dieser Aktion, so wie es an anderen Denkmälern auch geschehen ist, ein Exempel statuieren, oder eine Art Zeichen setzen, zu dem sich die sozialdemokratischen Verantwortlichen dieser Stadt hätten verhalten müssen.“ Denkmalstürzer, Text nach Originalton
„Wir haben mit Technik und Kopf den Kopf beseitigt und dass der Kopf gerollt ist, das fand ich sehr gelungen. Und es gab danach ja auch längere Diskussionen darüber, Leserbriefe in Zeitungen bis hin das irgendwelche Bochumer Ortsgruppen 10.000 Mark geboten haben für die Wiederbeschaffung.“ Denkmalköpfer, Text nach Originalton
Klack Zwo B „Wir wollten den Kopf wieder drauf haben und da sind auch Entwürfe gemacht worden, Preise eingeholt worden, um das wiederherzustellen. Und dann kam die Aussage der Sozialdemokraten, das muss ich ja klar und deutlich erklären, dass eventuell wieder der Kopf abgeschlagen würde, und deshalb ist der nicht draufgekommen. Und damit haben wir uns im gesamten Umkreis lächerlich gemacht, denn stellen Sie sich bitte einmal vor, wenn hier Totensonntag ist, dann stehen Sie hier in der Aufreihung von Soldaten Pfarrer und so weiter und machen dann einen Gottesdienst für den Mann ohne Kopf. Und das find ich absolut beschämend. Wir haben ja an die Krieger gedacht, die waren ja alle oder zum größten Teil in den Kriegervereinen, die sich etabliert hatten, das waren ihre Kameraden, deshalb hat man das so aufgezogen, als wenn das die Kameraden wären. Und der Gedanke ist auch heute noch; Sie können sich vielleicht vorstellen, als der Kopf dann runter geschlagen war, was das für ein Tumult war.“ Herbert Danz, Langendreerer Bürger
Reporterin: Haben Sie Verständnis für diese Aktion?

„Nein, nein, das sind meiner Ansicht nach dumme Menschen. Wir müssen uns ja als Volk verteidigen können und da hat ja der Militarismus nichts mit zu tun, grundsätzlich nicht. Und wenn wir uns nicht verteidigen sind wir dumm dran. Stellen Sie sich mal vor, hätten wir uns nicht verteidigt, dann hätten wir die Russen hier gehabt.“ Herbert Danz, Langendreerer Bürger
„Ach, unsere Motivation war, also damals, wie alle links denkenden Menschen waren wir natürlich auch eine von Moskau gelenkte Kommandoeinheit und da hatten wir eben den Auftrag dieses deutsche faschistische Gedankengut, von zornig blickenden Gartenzwergen bis ebendiesen Kriegerdenkmälern, zu zerstören.“ Denkmalköpfer, Text nach Originalton:
„Ich wäre natürlich sehr froh, wenn ich den Kopf mal bekäme, denn wir haben neben diesem Denkmal auch noch andere Denkmäler hier versammelt, so dass dieser Kopf im Rahmen einer Ausstellung sicherlich gut passen würde. Vielleicht überlegen sich’s die Täter.“ Johannes V. Wagner, Stadtarchiv Bochum
[Im Abspann]

Reporterin: Im zweiten Weltkrieg haben wir nicht verteidigt, sondern angegriffen.

„Wir?“

Reporterin: Also nicht wir, sondern Deutschland.

„Das sehe ich etwas anders; Wir sind ja gereizt worden im zweiten Weltkrieg. Die wollten uns ja nicht haben, als NSDAP.“

Reporterin: Wer?

„Die Welt. Das ging ja nicht und deshalb sind wir dann da gereizt worden und da mussten wir zuschlagen. Haben Sie mich verstanden, was ich damit sage? Gut, Prima!“ Herbert Danz, Langendreerer Bürger

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