Denkmalssturz

Welch ein Aufschrei der Empörung hallte im Jahre 1983 durch Bochum, als in einer Nacht- und Nebelaktion bis heute unbekannte Täter das Denkmal im Eingangsbereich des Stadtparks umstürtzten. Es war ein politischer Anschlag, denn das Denkmal stammte aus dem Jahr 1935 und war von der Gestaltung her ein Kind seiner Zeit. Was war 1935, zur Zeit der Errichtung und 1983, zum Zeitpunkt des Sturzes, in Bochum los? Und wo steht dieses Denkmal heute? Die Bochumschau hat die gestürtzten Soldaten gefunden und blickt auf 80 Jahre Stadtgeschichte zurück.


Denkmalssturz

Denkmalssturz Es ist eine alte Industriehalle in Bochum, wo sich schnell die Frage stellt: Wer steht denn da hinter dem Vorhang. Der Raum, mittlerweile als Theater genutzt, verbirgt ein über drei Meter großes Geheimnis. Ein tonnenschwerer Bronzeguss. Hinter schwarzem Tuch stehen zwei Soldaten. Die schon einmal wesentlich mehr Beachtung gefunden haben. Ein Blick zurück in das Jahr 1935: Wieder verhüllt, hinter weißem Tuch, dann enthüllt. Ein Denkmal für die „Im Weltkrieg gefallenen Kameraden des 4. Magdeburgschen Infanterie-Regimentes Nr. 67“.

Denkmalssturz Ein Kriegerdenkmal, aber auch ein hoch politisches Denkmal, denn der eine Soldat des ersten Weltkrieges reicht die Fahne weiter zum Soldaten der neuen Wehrmacht. Eine Traditionslinie mit dem Hintergedanken „Wir haben da noch etwas zu erledigen…“, schließlich sah man zur Einweihung am 18. August 1935, die Niederlage im Ersten Weltkrieg noch als böse Wunde an. Da stehen sie, vor einer Mauer aus hellem Rohsandstein, entworfen vom Dortmunder Künstler Walter Becker, positioniert unweit des Bergbaumuseums im Eingangsbereich des Stadtparks. Dort steht sie noch heute, die Mauer, doch die Soldaten fehlen. Gedenkplatten, Baudaten, es sieht noch alles so aus, wie auf einer alten Postkarte vom Stadtpark, doch was 1935 noch stand, wurde fast fünfzig Jahre später gestürzt. In der Nacht sägten unbekannte Täter das Denkmal oberhalb der Füße ab. Die Kolosse fielen in den Dreck. Ein Denkmalsturz zu einer Zeit, als sich Bochum gerade mit seiner braunen Vergangenheit zwischen 1933 und -45 auseinandersetzt.

Denkmalssturz „Ist ja ganz interessant, dass Ende Januar 1983 im Stadtarchiv, genau in diesem Raum, die große Ausstellung zur NS-Zeit von Herrn Dr. Wagner gezeigt wurde, ‚Bochum unterm Hakenkreuz’, und kurze Zeit später kam es halt zu diesem so genannten Denkmalsturz. Herr Dr. Wagner hat damals ja auch die Geschichte dieses Denkmals aus einem anderen Blickwinkel erzählt. Das war dann aus seiner Sicht nicht mehr ein Kriegerdenkmal zur Ehrung der Gefallenen des Ersten Weltkrieges, sondern schon ein Symbol und ein Ehrenmal, dass die Verbindung zur NS-Zeit hergestellt hat und auch ein Ausdruck dafür war dass man sich auf einen neuen Krieg vorbereitet.“ Dr. Ingrid Wölk, Leiterin des Stadtarchivs Bochumer Zentrum für Zeitgeschichte

Hier war früher einmal ein Möbellager: Hein de Groot. Ältere Bochumer werden sich noch erinnern. Später folgte in die leer stehenden Räume an der Kronenstraße, das Bochumer Stadtarchiv. Das ist mittlerweile auch längst wieder gegangen, aber seine Spuren sind noch erkennbar. Alte Plakate und Fundusreste, die jetzt von Theatermachern genutzt werden. Noch etwas ist geblieben: Die alten Soldaten vom Stadtpark. Hier wurden sie nach ihrem Sturz hingebracht, waren sogar noch Teil einer Ausstellung über die NS-Zeit in Bochum, als hier in dieser Halle noch Ausstellungen möglich waren. Danach ging zwar das Stadtarchiv, aber der Koloss blieb.

Eine Tonne Bronzeguss kann man halt, aus statischen Gründen, in die wenigsten Räume oder Häuser mitnehmen. Bei genauerem Hinsehen sieht man übrigens noch die alten Schweißnähte, wo Füße und Restsoldaten wieder zusammengeflickt wurden. Damals, im Jahr 1983, stellte sich natürlich die Frage: Was machen wir jetzt mit dem Denkmal? Und wie kam es an die Kronenstraße?

„Nachdem das Denkmal gestürzt wurde, hat der Rat der Stadt Bochum beschlossen, es nicht wieder als Denkmal aufzustellen, sondern als Objekt ins Stadtarchiv zu geben und es zum Grundstock einer politisch-historischen Ausstellung zum Thema NS-Zeit zu machen.“ Dr. Ingrid Wölk, Leiterin des Stadtarchivs Bochumer Zentrum für Zeitgeschichte

Denkmalssturz War das nun die Beste aller Lösungen? Eine schwierige Frage, auch heute noch, wo das Restdenkmal noch immer an alter Stelle im Stadtpark betrachtet werden kann. Man findet dort noch die alten Schriftplatten, mit den Einsatz und Kampforten der 67er; Flandern, Verdun, berühmte Namen. Doch es gibt auch in der Mitte eine schwarze Platte mit einer neuen Inschrift, zur Erklärung dieses Denkmals. „Nie wieder Krieg und Faschismus“, angebracht von der Stadt Bochum 1984. Die Denkmalsmauer hat aber auch eine zweite Seite, die Hintere. Die ist zwar mittlerweile zugewachsen, mit wenig einladendem Dornengestrüpp, aber ein Gang in den Dschungel bringt noch spannende Einblicke: Eine Tafel. „Trotz Not und Tod, vorwärts und aufwärts“, auch hier wieder die Traditionslinie "Raus aus dem Elend der Weltkriegsniederlage, auf zu neuen Taten".

Es gab aber damals, zu beginn der 80er Jahre noch ein ganz anderes Fundstück: Ostern 82 zeigte die WAZ in einem Bericht ein vergessenes Andenken aus einer vergangenen Zeit: Einer der Soldaten hatte doch tatsächlich noch ein Hakenkreuz am Helm, und das in aller Öffentlichkeit. Das wurde dann schnell beseitigt, noch vor dem Sturz. Es war 1933 wie 1983 ein hochpolitisches Denkmal; Diese beiden Soldaten stehen für ein spannendes Kapitel Bochumer Stadtgeschichte. Schade, dass sie derzeit so gut versteckt sind. Vielleicht werden sie 2014 in einer Ausstellung des Bochumer Zentrums für Stadtgeschichte wieder hervorgeholt. Aber nur, wenn die Statik es mitmacht.


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