71 Flüchtlinge

Ein Zeichen setzten das Schauspielhaus Bochum und der Bochumer Spediteur Gerard Graf am 2. September 2015 gegen das Flüchtlingsdrama in Europa. Ein Gedenken an 71 tote Flüchtlinge, die im Laderaum eines LKW vermutlich erstickten. 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder.


71 Flüchtlinge

Olaf Kröck: 71 Flüchtlinge„Vielleicht erklären wir Ihnen ganz kurz, was wir hier eingerichtet haben, weil das war uns als Schauspielhaus sehr wichtig, dass das keine Kunstaktion ist. Das ist ein Statement, ein kurzes Statement. Das soll auch nur eine halbe Stunde dauern, dann wird dieser LKW wegfahren. Wir haben Ihnen hier auf dem Boden einfach die Grundfläche markiert, die dieser LKW sozusagen spiegelt. Graf, Sie hatten einen Wunsch an uns, was wir machen.“

Gerald Graf: 71 Flüchtlinge„Ja, ich möchte jetzt einmal versuchen, dass wir 71 Menschen finden, die erst einmal bereit sind, wobei das jetzt nicht so schwer ist, sich da rein zu stellen ja. Zu gucken, geht das überhaupt ja.. können 71 Menschen da rein? Und ich möchte aus dieser Zahl 71 ja die sagt ja auch erstmal gar nichts so eine abstrakte Zahl.. die möchte ich mit Leben füllen und da möchte ich 71 Menschen stehen haben. Damit jedem klar ist, was da passiert ist. 71 Menschen.“

Gerald Graf, Spediteur & Initiator der Aktion: 71 Flüchtlinge„Mir hat gerade einer ne Frage gestellt, ja auch ein Medienvertreter und sagt: „Mensch hast du denn jetzt das Gefühl, das was du erreichen wolltest, dass du das erreicht hast?“ Und die Frage kann ich im Moment gar nicht mit „Ja“ beantworten.“

Reporter: „Was haben Sie denn für ein Gefühl, was jetzt diese Aktion zumindest für Sie, was bewirkt das?“

Gerald Graf: 71 Flüchtlinge„Ja, ich hoffe, dass ich Menschen betroffen gemacht habe. Dass ich es geschafft habe Menschen anzurühren, ja dass man nicht einfach das liest und weiterblättert so wie ich das ja auch mach.. ja ich hab’ es heut schon mehrfach gesagt. Ich les das und da blätter ich fünf, sechs Seiten weiter, weil die nächsten Seiten, die dann kommen die interessieren mich nicht ja. Dann kommt der Sportteil, den les ich und anschließend fahr ich in die Arbeit und ja und am nächsten Morgen hab’ ich den nächsten Headliner und das sind dann vielleicht 200 ertrunken und dann blätter ich auch wieder weiter und ja. Und ich bin jetzt nicht verroht und ich bin auch nicht jemand, den das nicht anrührt. Ich habe selber Kinder und ich kann mich dann auch schnell in die Situation versetzen.. was würde ich denn tun, wenn ich in so einer Situation wäre, in so einem Land, den Gefahren da ausgesetzt, dass meine Kinder verhungern oder dass ich Angst haben muss, dass meine Kinder getötet werden oder dass ich selber getötet werde und ich wäre auch bereit, diese Gefahren auf mich zu nehmen, übers Meer zu gehen oder andere Wege zu suchen um einfach meinen Frieden zu finden, um in ein Land zu kommen, wo ich sicher bin ja, auch das alles würd’ ich tun. Also ich bin nicht so abgestumpft und trotzdem, ich weiß nicht warum, blätter ich auch weiter und hab’s dann nicht mehr im Kopf, weil die tägliche Arbeit die hat mich dann wieder und ich glaube das geht den meisten, auch Ihnen jetzt wahrscheinlich wird das auch so gehen. Vielleicht ist auch alles einfach zu viel, dass wenn man sich da zu sehr mit beschäftigt, da sind ja so schlimme Sachen, die kann man ja gar nicht mehr ertragen dann ja. Vielleicht darf man das auch alles gar nicht an sich ran lassen, weil man auch unter der Last dann zerbricht ja. Also ich.“

Reporter: „Was hat Sie denn jetzt hier motiviert diese Aktion ins Leben zu rufen? Wie kamen Sie dazu?“

Gerald Graf: 71 Flüchtlinge„Ja, ich wollte diese Zahl 71, die da in der Zeitung steht, ganz klein ja. Irgendwie so 3x3 Millimeter groß, ja mehr ist das ja nicht. Die wollte ich versuchen plastisch zu machen. Zu zeigen, das ist nicht einfach nur ne Zahl, das sind jetzt 71 Menschen, die da ums Leben gekommen sind und wir haben ja jetzt gesehen, der LKW war voll. Wenn wir jetzt auf die Ladefläche des LKWs so’n Plakat gestellt hätten und da hätte ne Zahl 71 drauf gestanden, dann wäre ja beide Male dieselbe Aussage gewesen. Also 71 waren da halt drauf, ja aber 71 Menschen, die dann da drauf stehen, die machen ich glaub doch viele betroffener, als wenn da einfach nur so’n Zettel hängt, wo drauf steht: „71 waren’s“ ja. Wenn ich die Augen schließe und mir vorstelle, was da abgelaufen ist in dem LKW, dann fang ich an zu weinen ja.“

Olaf Kröck, Chefdramaturg Schauspielhaus Bochum: 71 Flüchtlinge„Weil wir tatsächlich selber uns betroffen gefühlt haben. Wir leben in der Region, wo das Meer weit weg ist, aber Autobahnen wo LKWs fahren, ist das was unsere Stadt und unser Gegendbild prägt. Wir haben hier so viele Autobahnen, wir haben hier so viel Verkehr, wir haben hier so viel Lasttransport und plötzlich sich vorzustellen, dass da drin Menschen sind und zwar 71 hat uns wirklich zu tiefst betroffen gemacht.“

Reporter: „Sind Sie selber mit drin gewesen?“

Olaf Kröck: 71 Flüchtlinge„Ich bin jetzt nicht im LKW gewesen, weil ich da Angst hab’. Ich fand es jetzt schon beklemmend mit der Gruppe in diesen Ring zu steigen, in diesen Kreis hier zu steigen, weil ich gemerkt hab’, dass man sich dann ins Verhältnis setzt. Ich bilde mir nicht ein, auch nur im Ansatz auszumalen, was diese Menschen da drin erlebt haben, wirklich nicht. Aber es ist trotzdem eine Beziehung, die dann hergestellt wird, zu sagen es ist mir nicht egal und irgendwie einen Kontakt herzustellen.“

Reporter: 71 Flüchtlinge„Jetzt hat ja das Schauspielhaus Bochum auch schon seit Jahren den Ruf sich politisch oder politisch Zeichen zu setzen. Heißt das also, das war ganz klar da machen wir mit, also da zögert man auch keine Sekunde das ist man auch dem Ruf dieses Hauses schuldig?“

Olaf Kröck: 71 Flüchtlinge„Wir haben nicht gezögert, nicht wegen dem Ruf des Hauses, sondern wegen der humanitären Situation, aber ich gebe zu, dass wir natürlich auch Fragen hatten. Was ist die richtige Form, was ist die richtige Form der Pietät, weil natürlich werden wir diesen 71 Toten nicht gerecht, aber die Pietätlosigkeit ist die europäische Politik an den Grenzen und den Zwang dem Menschen ausgesetzt sind, die selber schon aus Notsituationen einen weiten, weiten Weg hinter sich gebracht haben, in der vermeintlichen Sicherheit plötzlich in die Todesgefahr zu geraten.“

Reporter: 71 Flüchtlinge„Sie haben ja bewusst keine Menschen organisiert, sondern gesagt „wir schauen was passiert“ jetzt ist es vorbei, wie zufrieden sind Sie mit der Anteilnahme der Bochumer?“

Olaf Kröck: 71 Flüchtlinge„Bin sehr überrascht, dass wirklich so viele Menschen gekommen sind. Wir freuen uns, dass viele gesagt haben „wir wollen dabei sein“ und dass auch viele so von sich heraus gesagt haben „wir steigen da auch rein“. Dass wirklich 71 Menschen in diesen LKW gestiegen sind hätte ich gar nicht erwartet. Es sind Rosen niedergelegt worden, also es scheint doch eine große Anteilnahme zu sein in dieser Stadt und dass es viele nicht kalt lässt.“

Reporter: „Das heißt also, das ist auch eine Botschaft an Flüchtlinge, an die Familien und aber auch an Österreich, das als Land natürlich sehr besorgt ist.“

Olaf Kröck: 71 Flüchtlinge„Ja ich glaube an ganz Europa zu sagen „wacht auf, seid menschlich, seid mitmenschlich, zeigt Nächstenliebe und helft den Ärmsten und den Notleidensten im Moment der Not.“ Und danach können wir alles weitere besprechen und auch diskutieren und kontrovers sein und klären, wie man umzugehen hat, aber den Augenblick der Not dürfen wir nicht ausnutzen.“

Reporter: „Das heißt also es ist auch gewissermaßen auch ein Signal an den Braunen Mob, der sich in vielen europäischen Ländern quasi immer neu wieder formiert?“

Olaf Kröck: 71 Flüchtlinge„Auf jeden Fall, weil es ist so zynisch und es ist so gelinde gesagt ekelhaft, dass Menschen mit dem Leid dieser Menschen auch noch versuchen Kapital zu schlagen um ihre dunklen politischen Botschaften, die verquer und unverständlich sind, menschenverachtend, die dann auch noch damit zu verknüpfen und das muss man als Mensch ablehnen.“

Gerald Graf: 71 Flüchtlinge„Ja, dann danke ich allen, die jetzt hier hoch gekommen sind und ich danke natürlich allen Bochumern, die gekommen sind und ich hoffe wirklich, dass die Bochumer die Flüchtlinge hier mit offenen Armen empfangen und dass sie denen helfen wo sie können und dass man den Menschen das Gefühl gibt, wenn die hier hin kommen, dass man sich über die Menschen freut und dass sie gerne gesehen sind. Das wünsche ich mir von den Bochumern und natürlich auch von allen anderen hier.“

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