Die Kassierer

In einem Städtchen nahe Wattenscheids spielten sie auf, die Kassierer, groß, derb und laut. Und alle, die rechtzeitig eine Karte ergattern konnten, kamen: Deutsche Polizisten, Gärtner und Floristen. Und was dabei das Schlimmste war, verriet uns Sänger Wölfi (51) in einem Interview, während sich in die ausverkauften Zeche Pocken zum Punk bewegten. Für die Daheimgebliebenen berichtet die Bochumschau von der musikalischen Moritat zwischen den Gürtellinien.


Die Kassierer

Empfohlenes Alter für den Konzertbesuch?

Die Kassierer

Wolfgang „Wölfi“ Wendland: „Es gibt keine empfohlene Altersgrenze; Das hängt wahrscheinlich am Veranstalter. Ich weiß nicht, wer so was regelt, wahrscheinlich der Veranstalter, und es gibt ja Jugendschutz-Gesetze, dass bestimmte öffentliche Veranstaltungen bis zu irgendeiner Uhrzeit nur mit Eltern, oder alleine, mit sechzehn, achtzehn, einundzwanzig- Ich weiß es nicht. Das sind zumindest Themen um die ich mich nicht kümmern muss.“

Die Kassierer

Wölfi: „GUTEN ABEND BOCHUM! Wir sind die Kassierer aus Duisburg und freuen uns außerordentlich, in Bochum spielen zu dürfen!“
Publikum: „Saufen! Saufen! Jeden Tag nur saufen!“

Wolfgang Wendland:
„Effektiv gibt es in Deutschland bei Musik nur die Grenze jugendgefährdend oder nicht jugendgefährdend. Jugendgefährdend heißt ab Achtzehn und kein Versandhandel, nicht jugendgefährdend heißt: Dürfen auch Kinder hören.“

Publikum: „Saufen! Saufen!“

Die Kassierer

Wolfgang Wendland:
„Da wir ein paar Platten bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, so heißt das ja mittlerweile, bei Frau Mommsens doppelnamensgroßen Gremium waren, und alles‚ nicht jugendgefährdend’ ist, könnte ich natürlich jetzt behaupten, diese Musik dürften auch Kinder hören. Könnt’ ich.“

Die Kassierer

Wölfi: „Meine Damen und Herren, der Größte Vorfall menschlicher Halbbildung ist der Berufsstand des Sozialarbeiters; Da wird mir ganz warm ums Herz, wenn ich an den Sozialarbeiter meiner Jugend denke.“

Warum der Kampf gegen die Indizierung?

Die Kassierer

Wolfgang Wendland:
„Wir haben ja nicht die Musik gemacht um da jetzt auf so billige Art und Weise irgendwie Platten zu verkaufen. Mit den ganzen rechtsradikalen Bands die indiziert sind wollten wir auch nicht in einem Atemzug genannt werden können.“

Die Kassierer

Wölfi: „Es gibt aber auch ein paar Leute, an die ich appellieren möchte, dass ihnen wenigstens Südtirol egal ist, wenn sie ihr Freiwild-T-Shirt ausziehen; Hier sind zwei Leute gesichtet worden.“

Wolfgang Wendland:
„Ja, wir haben da schon Wert draufgelegt, dass das eher Kunst ist. Das ist ja auch ne ziemlich große Diskussion; Kunstschutz geht vor Jugendschutz. Und wir wollten eigentlich nie in diese Ecke ‚Wir machen was Verbotenes und deshalb verkaufen wir's’, also das wollten wir auf keinen Fall. Insofern war es Ehrensache, sich da nach besten Möglichkeiten zu verteidigen.“

Wölfi: „Es gibt Situationen, da ist einem alles egal, diese Situation ist zum Beispiel mein Leben.“

Verhältnis zum Publikum?

Die Kassierer

Wolfgang Wendland:
„Ja, weiß ich nicht, Ich hab den Eindruck, dass mittlerweile unser Publikum da so ein Abbild der Gesellschaft ist, dass es sehr unterschiedlich, sehr Vielschichtig ist…“

Die Kassierer

Wölfi: „Ich mein, ich hab nichts dagegen, wenn du in meinem Bauchnabel rumspielst, aber du, schneide dir doch vorher die Fingernägel.“

Die Kassierer

Wolfgang Wendland:
„Kommt natürlich drauf an, in welchem Laden und bei welcher Gelegenheit man spielt, also auf nem Punk-Festival sind mehr Punks und das ist ja auch die Richtung, wo wir herkommen. Ich find so wie es ist, ist es schon in Ordnung. Und jetzt irgendwelche, ich sag mal Punk-Puritaner, die sagen ‚Ihr macht doch gar kein richtiges…’ würd’ ich sagen‚ Gut, aber wir können nicht unser Leben lang irgendwelche Jugendzentren besetzt halten, mit unserer Musik. Insofern ist das halt, wenn man ein Bisschen populärer wird, das ist halt das Schicksal, dass dann hinterher die ganzen Familien kommen und das Mallorca-Publikum; Das ist ein Schicksal mit dem wir zu leben haben, mit dem ich aber auch gut zurecht komme. Und ich find jetzt, zu sagen: ‚Nein wir machen nur Punk, wir wollen nur ein Punk-Publikum’, führt ja auch letztendlich dazu, dass man in irgendwelchen Jugendheimen, Clubs, möglichen Punk-Nachwuchsbands die Auftrittsmöglichkeiten wegnimmt.“

Wölfi: „Auf jeden Fall, mir ist mein Leben ziemlich egal und deshalb heißt das nächste Lied: Mir ist alles piepe.“

Wie feiern die Kassierer Weihnachten?

Die Kassierer

Wolfgang Wendland:
„Sagen wir mal, da der Schlagzeuger gleichzeitig mein Bruder ist, sind die Gruppe und die Familie das Gleiche. Früher hatten wir sogar schon mal kombinierte Familienfeiern, wo wir dann mit der Familie vom Gitaristen zusammen gefeiert haben, aber dass wir jetzt explizit noch ne Band-Weihnachtsfeier machen… Vielleicht ist das heute Abend der Fall.“

Wölfi: „Auf die Frage, warum die Wattenscheider weitaus klüger sind als die Bochumer, gibt es nur eine Antwort. In Wattenscheid wird viel mehr gesoffen und Alkohol regt das Hirnwachstum an. Also eigentlich sollte das Lied heißen ‚Warum sind die Wattenscheider klüger?’, aber weil wir heute in Bochum spielen, nennen wir das Lied einfach ‚Gehirnvolumen’.“

Wölfi: „Und wenn man kein Geld für Bier hat, dann kann das schlimmste eintreten! Und das Schlimmste ist? WAS ist das Schlimmste?!“

Publikum: „Wenn das Bier alle ist!“

Wölfi: „Ja, steht hier auch. So heißt das nächste Lied; Ich kann den Text fast auswendig.“

Wünsche für die Zukunft?

Die Kassierer

Wolfgang Wendland:
„Ich hoffe, dass ich irgendnen anderen Beruf finde, mit dem ich Geld verdienen kann.“

Standpunkt "Zeche Holland"

Die Kassierer

Wolfgang Wendland:
„In einem Bezirk Bochums, wo man die unterschiedlichsten Modelle an Fördertürmen zu Fuß, oder sagen wir mal mit dem Auto, in zehn Minuten erreichen kann, kann man sich die Sentimentalität von Millionen, einen solchen Förderturm zu erhalten, wirklich erlauben? Wenn so, sagen wir mal, etwa der Etat um ALLE öffentlichen Gebäude in Wattenscheid zu unterhalten, liegt ungefähr bei 750.000 im Jahr, und ich denke dieses ganze Loch mit dem Förderturm wird im günstigsten Fall drei Millionen- Also, es wird mehr. Es gibt mehrere Statik-Firmen, die gesagt haben, bei ner Kerbschlagzahl von drei oder vier kann ich da nichts berechnen, wenn ich da ein Gebäude drunter mach, muss ich einen neuen Bauantrag stellen, eigentlich für alles, was ich da machen will. Die Frage ist - das Ding steht unter Denkmalschutz, das heißt man muss eins zu eins das genau so nachbauen, also, wenn das ganze Metal so hin ist, dann muss man den ganzen Förderturm eins zu eins so nachbauen, das ist dann wahrscheinlich genauso aufwendig wie diese neuen Streben bei der Wuppertaler Schwebebahn - die Frage ist: Wer soll das bezahlen? Und kann man mit dem Geld nicht was Besseres machen? Das ist zumindest ne Frage, die man sachlich diskutieren sollte und Ich denke, so wie das in Wattenscheid momentan gehandhabt wird, ist es zumindest unsachlich.“


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