Bundestagspräsident

Es ist nicht automatisch eine Schlagzeile wert, wenn ein Mann aus Bochum in Bochum spricht. Es sei denn, er ist Bundestagspräsident und sein Wort von Gewicht. Prof. Dr. Norbert Lammert, Mann aus Bochum mit Arbeitsplatz in Berlin, war zu Gast in der Harpener St. Vinzentiuskirche, um dort über das umstrittene Thema "Leitkultur" zu sprechen. Und was demnächst in der "Zeit" oder der "FAZ" steht, gibt es schon jetzt auf der Bochumschau zu sehen.


Bundestagspräsident

BundestagspräsidentDie St. Vinzentius Kirche in Bochum-Harpen ist in den letzten Jahren zu einem Ort der christlichen, der gesellschaftlichen aber auch der politschen Diskussion geworden. Wenn rund um die Kirche wieder Personenschützer und Polizei aufmarschieren, wenn eine schwere Karosse aus Berlin vor der Tür steht und hinter der Schusssicheren Scheibe jemand über seiner Rede brütet, dann ist es wieder soweit.

Der Bundestagspräsident Norbert Lammert ist im Anmarsch. Mit ihm Gedanken und Diskussionen, die über Bochum´s Grenzen hinaus Gehör finden. Norbert Lammert ist nicht zum ersten Mal in der St. VinZentius Kirche; erst letzten November sprach er hier mit großem Nachhall. Der Bundestagspräsident ist ein Mensch, der sich kluge Gedanken macht. Diesmal zum Thema Leitkultur. Ein Thema, ein Begriff, der für viel Wirbel sorgt. Hier nun Ausschnitte aus Lammert´s Rede in der St. Vincentius Kirche:

BundestagspräsidentNorbert Lammert, Bundestagspräsident: "Ich will mit einer weiteren Klärung beginnen, von der ich den begründeten Eindruck habe, dass sie über eine lange Zeit der ruhigen und nüchternen und aufgeschlossenen Diskussion im Wege gestanden hat. Das ist nämlich schon die Provokation, die für viele im Begriff "Leitkultur" liegt. Das empfinden viele, und vor allen Dingen viele, die sich selbst für Intellektuelle halten, als ziemliche Strapazierung ihres Vorstellungsvermögens. Wobei ich in Klammern hinzufüge, dass ich mit einem gewissen Amüsement registriere, dass Leute, die kein Problem mit Leitkommentaren, Leitthemen und Leitmelodien haben, bei Leitkultur ausflippen.
Aber das ist ein Aspekt, den ich jetzt auf sich beruhen lasse; der ja auch die Fragestellung nicht erledigt, ob es so etwas wie Leidkultur geben kann oder gar geben muss. Und da möchte ich zunächst eine ganz prinzipielle Unterscheidung machen, zwischen einem Verständnis von Leitkultur, das nicht nur nicht gemeint, sondern ganz sicher auch nicht gewollt sein kann, und einem anderen Verständnis von Leitkultur über das man zumindest ganz ruhig und nüchtern nachdenken muss. Manche verbinden mit dem Begriff Leitkultur offenkundig die Vorstellung man könne die großen Kulturen der Welt in eine Art Rangfolge bringen. Da gibt es dann eine Kultur, die ist sozusagen die Leitkultur. Und die anderen werden dann danach, oder meinetwegen auch drum herum, eingereiht. Diese Vorstellung halte ich für nicht durchdacht, für unseren Zusammenhang auch ganz offenkundig nicht gemeint und schon gar nicht gewollt. Anders formuliert: man kann die großen Kulturen der Welt ganz sicher, und übrigens ziemlich mühelos, in eine zeitliche Reihenfolge bringen. Von den Babyloniern und Assyrern angefangen, über die alten Griechen, die Römer, die großen spanischen und südamerikanischen Kulturen, die chinesische Kultur und viele andere große, meist Jahrhunderte prägende Kulturen der Menschheitsgeschichte. Aber diese Kulturen in eine Rangfolge bringen zu wollen, ist eine absurde Vorstellung, die eingentlich nur aus einem übertriebenen Selbstverständnis einer dieser Kulturen heraus nachvollziehbar, aber nicht wirklich überzeugend begründbar wäre.
BundestagspräsidentUnd auch als überzeugtem Produkt der europäischen Zivilisation fiele es mir im Traum nicht ein, den Kulturkreis, zu dem ich selbst gehöre, für sozusagen menschheitsgeschichtlich überlegen gegenüber anderen Kulturen erklären zu wollen. Zumal mich spätestens der Blick in entsetzliche Verirrungen unserer eigenen Kulturgeschichte vor dem Übermut bewahren müsste einen solchen Überlegenheitsanspruch ernsthaft reklamieren zu wollen. Aber von diesem Missverständnis, Leitkultur könne so etwas sein, wie der Vorrang einer Kultur gegenüber einer anderen oder allen anderen, muss man die Frage unterscheiden, ob es in einer konkreten Gesellschaft so etwas wie eine Leitkultur der Mitglieder dieser Gesellschaft, wenn sie denn friedlich und dauerhaft zusammenleben wollen, geben kann und vielleicht auch geben muss. Und meine persönliche Antwort auf diese Frage ist: Jawohl, genau das ist nicht nur möglich, sondern nötig. Nötig deswegen, weil es überhaupt keine Gesellschaft gibt, die ohne ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten ihren inneren Zusammenhang wahren kann. Ohne Gemeinsamkeit erträgt eine Gesellschaft auch keine Vielfalt.
Voraussetzung dafür, Vielfalt ertragen zu können, ist ein Mindestbestand an Gemeinsamkeiten, der alle die miteinander verbindet, die im übrigen unterschiedlich sind. Unterschiedlich alt, unterschiedliche Interessen haben, unterschiedliche Berufe haben, unterschiedliche Hobbys, Vorlieben, Freundeskreise und was auch immer. Als dass es zum Selbstverständnis dieser modernen, demokratischen, rechtsstaatlich verfassten Gesellschaft gehört, dass jeder einen Anspruch darauf hat, nach seinen Überzeugungen leben zu können, aber niemand ein Recht hat, aus diesen persönlichen, gegebenfalls auch religiös begründeten Überzeugungen einen Widerstand gegen die Rechtsordnung herzuleiten.
BundestagspräsidentUnd jetzt wird es praktisch: Ehrenmorde gibt es in einer demokratisch verfassten, rechtsstaatlichen Ordnung nicht. Es gibt Morde und morden. Punkt. Multikulturalität kann eben nicht bedeuten, dass alles und jedes in gleicher Weise gültig ist. Und kann schon gar nicht bedeuten, dass soziales Verhalten, das mit der Rechtsordnung dieses Landes nicht übereinstimmt, mit Hilfe religiöser Begründungen aus den Angeln gehoben wird. Einen demokratischen Rechtsstaat und die Gültigkeit der Sharia kann es gleichzeitig nicht geben. Nicht deswegen, weil mir das politisch nicht gefiele, darauf käme es am wenigsten an; sondern weil es sich wechselseitig ausschliesst. Eine Gesellschaft, in der die Sharia gilt, hat die Prinzipien eines demokratischen Rechtsstaates zu Gunsten einer fundamentalistischen, religiös geprägten Ordnung aufgegeben. Sie hätte damit die Aufklärung der europäischen Zivilisation hinter sich gelassen. Gleichberechtigung von Mann und Frau und den Anspruch, religiös begründet, des Vorrangs des Mannes gegenüber der Frau kann es in ein und der selben Gesellschaft nicht geben. Nicht, weil mit Sicherheit das eine richtiger ist als das andere, wovon wir vermutlich auch überzeugt sind, inzwischen jedenfalls, meistens jedenfalls. Sondern weil beides gleichzeitg nicht geht! Und deswegen müssen wir diesem, sicher gut gemeintem, fröhlichen, aber verheerenden Missverständnis entgegentreten. Multikulturalität einer modernen Gesellschaft bedeutet: alles ist gleich gültig. Was im Ergebnis bedeuten würde: es ist alles gleichgültig."

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